Mord an zwei Backpackerinnen: Ein Aufschrei über Machismus in Lateinamerika

Seit einer Woche posten meine Freunde aus Mexiko, Brasilien und Kolumbien auf Facebook über einen grausamen Mord an zwei Backpackerinnen in Ecuador. Ein Fall, der keinem großen Medium in Deutschland eine Meldung wert war, aber in Lateinamerika zu einer großen Diskussion über alleinreisende Frauen, Machismus und Victim Blaming führte. So sehr ich mit meinem Blog Frauen dazu ermuntern möchte, alleine in die große Welt aufzubrechen, so darf man nicht die Augen davor verschließen, dass frauenspezifische Gewalt immer noch ein immenses Problem ist. Zur Kenntnisnahme und Anteilnahme.

Im Februar 2016 wurden zwei argentinische Backpackerinnen tot am Strand von Montañita in Ecuador aufgefunden. Marina Menegazzo und María José Coni wurden tagelang verzweifelt von ihren Familien gesucht, nachdem sie einen Flug nach Peru nicht angetreten hatten. Der ecuadorianische Innenminister bestätigte, dass an den beiden jungen Frauen auch sexuelle Gewalt verübt wurde.

Der Fall schlug in Lateinamerika hohe Wellen, nicht nur wegen der Grausamkeit des Verbrechens, sondern auch, weil manche Medien immer wieder betonten, dass die beiden Frauen “alleine reisten”. Die argentinische Journalistin und Feministin Mariana Sidoti empörte sich zurecht auf Facebook:

Laut den Medien reisten die beiden in Ecuador ermordeten Backpackerinnen ‘alleine’. Es waren zwei erwachsene Frauen, die zusammen unterwegs waren. Aber trotzdem waren sie ‘alleine’. Alleine womit? Wer fehlte? Sie waren zu zweit. Aber da sie als Frauen auf die Welt kamen, waren zwei nicht genug. Damit sie nicht ‘alleine’ sind, fehlt ihnen… tja, drei mal dürft ihr raten, was!

In den sozialen Medien ließen frauenfeindliche Reaktionen auf das schreckliche Verbrechen nicht lange auf sich warten. Man warf den Argentinierinnen Fahrlässigkeit vor und empörte sich, wie Frauen überhaupt auf die Idee kämen, ohne männliche Begleitung zu verreisen. Es wurden Spekulationen darüber angestellt, ob die Frauen Alkohol getrunken oder Drogen zu sich genommen hätten.

Die Paraguayanerin Guadalupe Acosta veröffentlichte auf Facebook einen fiktiven offenen Brief der getöteten Frauen, der über 700.000 mal geteilt wurde. Ein Aufschrei, der auf den Punkt bringt, mit welch ungeheuerlicher Doppelmoral die Schuld den Opfern allein wegen ihres Geschlechts zugeschrieben wird, und wie stark Machismus noch immer den Alltag der Frauen in Lateinamerika bestimmt.

“Gestern wurde ich getötet.

Ich wollte nicht zulassen, dass sie mich anfassen, und sie zertrümmerten meinen Schädel mit einem Holzstock. Sie versetzten mir einen Messerstich und ließen mich verbluten.

Wie Müll steckten sie mich in einen schwarzen Plastiksack, eingerollt in Klebeband, und warfen mich an den Strand, wo ich Stunden später gefunden wurde.

Doch noch schlimmer als der Tod war die Demütigung, die danach kam.

Nachdem mein lebloser Körper gefunden wurde, fragte sich niemand, wo der Hurensohn sei, der meinen Träumen, meinen Hoffnungen und meinem Leben ein Ende setzte.

Nein, man stellte mir lieber unnütze Fragen. Mir, könnt ihr euch das vorstellen? Einer Toten, die nicht mehr sprechen kann, die sich nicht mehr verteidigen kann.

Welche Kleidung trug sie?

Warum war sie allein unterwegs?

Wie kann eine Frau nur ohne Begleitung verreisen?

Sie war in einer gefährlichen Gegend unterwegs, was hat sie erwartet?

Sie machten meinen Eltern Vorwürfe, weil sie mir Flügel gaben; weil sie zuließen, dass ich unabhängig sein kann, wie es jedem Menschen zusteht. Sie sagten ihnen, dass wir sicher Drogen genommen hätten und es herausforderten; dass wir etwas angestellt hätten und dass sie uns hätten überwachen sollen.

Und erst jetzt als Tote verstehe ich, dass ich für die Welt nicht das gleiche wert bin wie ein Mann. Dass ich an meinem Tod selbst schuld bin.

Hätte die Schlagzeile “Zwei junge Backpacker ermordet” gelautet, dann hätten die Leute ihr Beileid bekundet und in ihrer heuchlerischen Doppelmoral die Höchststrafe für die Mörder gefordert.

Aber weil ich eine Frau bin, ist es schon nicht mehr so schlimm, weil ich es ja darauf ankommen lassen habe. Da ich einfach machte, was ich wollte, bekam ich das, was ich verdiente. Weil ich nicht unterwürfig war, nicht zuhause bleiben wollte, und mein eigenes Geld in meine Träume investierte. Dafür und für vieles mehr wurde ich verurteilt.

Und ich leide, weil ich ja schon nicht mehr da bin. Aber Du bist da. Und Du bist eine Frau. Und Du musst weiterhin das Gequatsche ertragen, dass Du “anständig” sein musst, um Respekt zu verdienen; dass es Deine Schuld ist, wenn Männer Dir auf der Straße zurufen, dass sie eines Deiner Geschlechtsteile anfassen, lecken oder saugen wollen, weil Du bei 40 Grad Hotpants trägst; dass alleine reisen “verrückt” ist. Und wenn Dir irgendetwas zustößt, werden sie sicherlich deine Rechte mit Füßen treten, da Du es ja provoziert hast.

Ich bitte Dich: erheb Deine Stimme für mich und alle Frauen, die mundtot gemacht wurden und deren Leben und Träume zerstört wurden. Lasst uns kämpfen, ich im Geist an Deiner Seite, und ich verspreche, dass wir eines Tages so viele sein werden, dass es nicht genügend Plastiksäcke geben wird, um uns zum Schweigen zu bringen.”

Quelle: Eigene Übersetzung
Titelbild: Anna Saarinen
Screenshot des mittlerweile privaten Facebook Posts von Guadalupe Acosta: EME de Mujer


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12 Comments

  • Marit says:

    Hallo Steffi,

    ich bin gerade auf deinen Blog gestoßen und habe diesen Artikel entdeckt.
    Wie schon andere hier kommentiert haben, bin ich ebenfalls entsetzt.
    Ich war selbst vor drei Jahren mit einer Freundin in Südamerika (u.a. auch Montanita) unterwegs. Von so etwas schlimmem haben wir glücklicherweise nichts mitbekommen. Aber immer und immer wieder begegnet man natürlich dem Machismus der Latinos, sei es durch Hinterherpfeifen, -klatschen, -gerufe… Als ich vor kurzem in Nicaragua mit zwei Freundinnen war, sind ca. 15-jährige Jungs auf dem Fahrrad schnell an uns vorbei gefahren und haben uns auf den Hintern gehauen – da sieht man mal, wann es schon damit anfängt… Ich finde aber, wir dürfen uns von so etwas die Reiselust und den Mut nicht nehmen lassen. Deswegen ist es umso wichtiger, dass darüber gesprochen wird! Nur so kann letztlich auch etwas dagegen passieren.
    Danke für diesen Artikel!

    Liebe Grüße

  • Daniel says:

    Hi,

    mit Entsetzen gelesen und bei Facebook inklusive Kommentar geteilt. Unfassbar, aber nicht völlig überraschend. Hier ist noch viel Aufklärung und Stimme erheben nötig.

    Viele Grüße
    Daniel

  • Margit benatzky says:

    In Österreich hatte ich davon noch gar nichts gehört im Reiseforum wurde es heute gepostet. Ich war erst im Oktober 3 Wochen in Südamerika aber nicht alleine. Wer weis wie es sonst auch mir ergangen wäre.
    Eine schreckliche Tat und noch ärger die Reaktionen.
    Was mussten die zwei jungen Frauen mitmachen bevor sie starben und warum?
    Nur weil man Frau ist und auch Reiseträume hat? Ist man ohne Mann nichts wert?

    Danke Steffi für den Beitrag. Derzeit ist sinnloses Morden so IN – es ist zum Heulen.
    LG maxi.

  • Kai seehase says:

    Es macht mich zornig und traurig, dass hier 2 junge menschen in widerwärtiger weise ermordet wurden. In brasilien, rio, wurde ich auf offener, belebter strasse von banditen mit vorgehaltener pistole ausgeraubt aber da ging es um geld jedoch bei den jungen frauen um kaltblütigen mord; der respekt gegenüber frauen fehlt nicht nur in südamerika, das erlebe ich in europa ebenfalls häufig. Es ist wohl tatsächlich noch ein weiter weg bis frauen unbelästigt reisen können

  • Manuela says:

    Ich muss gestehen, auch ich bin erst durch deinen Post letzte Woche auf diese Morde aufmerksam geworden. Ich wollte im Juli alleine zwei Wochen nach Ecuador – um später mit einer Freundin noch Peru und Bolivien zu erkunden.
    Geändert hat sich nichts an meinen Plänen, dennoch wird dieser Fall und vorallem die Reaktionen weiterhin in meinen Hinterkopf herumirren. Aber meinen Traum möchte ich mir nicht nehmen lassen!

  • Ilona says:

    das Ganze erinnert mich an den Fall, als eine US-Amerikanerin vor einem oder zwei Jahren in der Türkei getötet wurde. Sie hatte eigentlich eine begleitung, aber die sprang dann ab – also reiste sie alleine.
    Die Kommentare von us-Amerikanern unter den Artikeln waren eindeutig: “Wie kann man als Frau alleine in ein Land wie die Türkei reisen?” oder einfach “Wieso reist eine Frau auch alleine.”. Das ging bis zu Männern, die klar sagten “MEINER Frau würde ich sowas nicht erlauben.”
    Machismus und victim blaming ist leider in vielen Kulturen noch sehr, sehr weit verbreitet. :-/

    Ein trauriger Fall, der das wieder so deutlich macht.

  • Nora says:

    Hey Steffi,

    ein Artikel, der mich total bewegt hat – danke dafür! Ich finde, wir Frauen müssen stark bleiben und weiter reisen – allein, oder zu zweit – aber Hauptsache als Frau. Mit der Zeit wird sich dieses Bild verschieben (so hoffe ich sehr), auch für die Frauen die im lateinamerikanischen Alltag unter dem Machismus leiden.

    Ich reise ab Oktober wieder alleine durch Nordperu und nachdem ich in den letzten Jahren so gute Erfahrungen in Peru (Bolivien und Chile) gemacht habe, kann ich gar nicht anders. Trotzdem ändert dieser Vorfall vieles (desto länger man drüber nachdenkt).

    LG, Nora

  • Eva says:

    Eine grauenvolle Tat und ein so wichtiges Thema für uns Frauen. Danke Steffi, dass Du es aufgreifst!

  • Juergen says:

    Hallo Stefanie,

    ein sehr guter Blogbeitrag. Ich habe ihn mit großen Interesse gelesen und er hat mich wiedermal zum Nachdenken angehalten.
    Der Grund für deinen Beitrag ist sehr traurig und überschattet schnell das eigentliche Problem. Aus diesem Grund finde ich es gut, immer mal wieder, einen solchen Beitrag zu finden. Der mich auf die Art der Berichterstattung hinweist und mich dazu anhält Fragen zu stellen.
    Vielen Dank dafür
    Gruß Juergen

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